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Was ist mit der Gotteserfahrung?

Vielleicht muss man unterscheiden zwischen den Gründen, zu denken, Gott existiert und den Gründen, an ihn zu glauben. Allerdings weiß ich nicht, wie ich an Gott glauben kann, wenn ich nicht zugleich auch an seine Existenz glaube.

Aber viele Gläubige haben einen sehr guten Grund, an Gott zu glauben: Die sog. persönliche Gotteserfahrung. Laut einer Umfrage von Gallup hatten ca. 10% aller amerikanischen Kirchgänger eine persönliche Gotteserfahrung (laut Leedom 1993, siehe Literaturverzeichnis am Ende der Seite). Wenn man persönlich Gott erfahren hat, ist das doch ein starker Beweis! Nur, was bringt mir als Ungläubigem dieses Argument?

Der berüchtigte Serienmörder →Peter Sutcliff (dreizehn Frauen ermordet, sieben schwer verletzt) beruft sich darauf, dass er Gottes Stimme gehört hat, um seine Morde zu begehen.

Warum sollte ich ihm dies glauben? Die meisten Gläubigen (die weitaus überwiegende Mehrheit, wenn nicht sogar alle) würden dies nicht tun. Dass Sutcliff ein Mörder war, ist kein Argument, Moses bekam von Gott ebenfalls den Auftrag zu Massenmorden von weitaus üblerer Sorte. D. h. wenn man nun sagt, Peter Sutcliff habe nicht die Stimme Gottes gehört, weil er Morde beging - er log entweder oder war im Irrtum - muss man nach diesem Maßstab sagen, dass auch Moses log oder sich irrte. Wenn man aber Moses glaubt, müsste man nach denselben Maßstäben auch Peter Sutcliff glauben. Aber letzteres, wie gesagt, wird wohl kein Gläubiger tun (ich auch nicht), und nach dem Maßstab der Gläubigen müsste man auch Moses misstrauen.

Wenn nun jemand sagt, er habe aber wirklich die Stimme Gottes gehört (als Beispiel einer Gotteserfahrung), weil dieser ihm gesagt hat, er solle Gutes tun, dann mag das für ihn verpflichtend sein, aber nicht für mich, ich habe nichts von Gott gehört, und ich kann nicht unterscheiden, ob er sich irrt oder nicht - er könnte mich sogar belügen (obwohl ich das nicht glaube), ohne dass ich das merken würde, so wenig wie ich bei Sutcliff Irrtum, Lüge oder Wahrheit voneinander unterschieden kann. Wir nennen Dinge gleich, wenn wir sie nicht unterscheiden können. Ich kann mir also kein Urteil erlauben, ob es stimmt, was der Gläubige sagt, folglich kann ich dies auch nicht zu einer Basis machen, ob ich dem Gläubigen glaube oder nicht. Er selbst tut dies nämlich auch nicht, wie der Fall Peter Sutcliff beweist, warum sollte ich mich anders verhalten, als er es tut? Ich habe also in jedem Fall - egal, was Gott ihm gesagt hat - berechtigte Gründe, seine Behauptung zurückzuweisen. Es mag für ihn ein Beweis sein, aber nicht für mich.

Es gäbe eine Ausnahme, nämlich dann, wenn mir der Gläubige eine Botschaft von Gott übermittelt, die er als Mensch unmöglich wissen kann (Beispiele: Koordinaten und einen Zeitpunkte in der Zukunft, an dem eine Sonne explodiert - Menschen können dies nicht vorhersagen, oder ein in der Zukunft liegendes Erdbeben). In diesem Fall müsste ich davon ausgehen, dass er wirklich die Stimme eines uns weit überlegenen Wesens gehört hat, was seine Geschichte glaubwürdig macht. Allerdings, wegen der Schwere seiner Behauptung, die Stimme Gottes gehört zu haben, die mir etwas sagen soll - obwohl Gott doch sicher mit mir selbst reden könnte und man sich fragen müsste, warum er dies nicht tut - müsste seine Vorhersage keinem halbwegs begründeten Zweifel unterliegen. An den sog. "Prophezeiungen" der Bibel gibt es aber gut begründete Zweifel - die meisten Prophezeiungen sind entweder so allgemein, dass sie auch ein Mensch mühelos gemacht haben könnte, oder sie sind nicht eingetroffen, oder sie wurden erst niedergeschrieben, als die Ereignisse längst vergangen waren - siehe auch die Links am Ende dieser Seite.

Ich kenne keinen Bericht, wo Gott den Menschen etwas gesagt hat, was diese nicht selber wissen oder wissen können, und ihnen widersprüchliche Dinge sagt (den Juden etwas anderes als den Muslimen oder Christen oder Hinduisten oder Shintoisten oder ...), habe ich keine Veranlassung, dies zu glauben. Der Gläubige würde dies an meiner Stelle nämlich auch nicht tun, er glaubt den Juden, Muslimen, Hinduisten, ... auch nur das, was er selbst bereits vorher für wahr gehalten hat. Da ich es für wahr halte, dass kein Gott existiert, habe ich, wenn ich genau das tue, was der Gläubige für richtig hält, keinen Grund, ihm zu glauben. D. h. ich glaube ihm schon, dass er glaubt, die Stimme Gottes gehört zu haben, aber ich glaube nicht, dass dies der Fall war, und wenn doch, kann ich dies nicht zur Basis eines Glaubens an Gott machen.

Offenbarung ist (wie Thomas Paine sagte) notwendig auf die erste Kommunikation beschränkt. Kommunikation "aus zweiter Hand" - sei es schriftlich oder mündlich - kann für mich kein Argument sein, weil es der Gläubige auch nicht anerkennt - mit einer Ausnahme, und er müsste mir plausibel machen, warum ich hier ebenfalls eine Ausnahme machen sollte, die er im umgekehrten Fall auch nicht machen würde.

Kurz, ich berufe mich darauf, wie sich der Gläubige selbst verhält, ich mache das zum Maßstab, was er selbst für vernünftig hält, nicht, was ich selbst für vernünftig halte! Letztlich muss er zugeben, dass er an meiner Stelle das auch nicht glauben würde. Damit hat er sein eigenes Argument widerlegt bzw. festgestellt, dass es keins ist, dem ich folgen kann.

Ich frage mich ohnehin, warum die Götter uns meist Dinge mitteilen, die auch von Menschen stammen könnten, und warum sie uns nichts Nützliches erzählen, z. B. was gegen Krebs hilft, oder wie man die Kindersterblichkeit senkt - da müssen wir aber weiterhin der Wissenschaft vertrauen.

Es gibt ein bekanntes Schema, mit dem man die schlechten Argumente von guten Argumenten unterscheiden kann - ich nenne es Schema V:

Schema V:

Wenn ein Grund, ein Argument, ein Kriterium etc. für eine Sache und gleichzeitig gegen diese Sache oder für eine widersprechende Sache spricht, dann kann mit diesem Grund, Argument, oder Kriterium etwas nicht stimmen (es muss ungültig sein, d. h. es etabliert nicht, was es soll), völlig gleichgültig, für wie einleuchtend oder plausibel wir diesen Grund etc. auch immer halten mögen.


Mondbeispiel

Da die einen Gläubigen sagen, Gott habe ihnen dieses gesagt, während andere Gläubige jenes gehört haben, können wir nicht glauben, dass ein einheitlicher Gott, der nicht lügt (sich also auch nicht widerspricht) dieses gesagt haben kann. Man könnte natürlich sagen, dass der eine wahr spricht, während der andere lügt oder sich irrt, aber wir können nicht unterscheiden, was bei wem der Fall ist.

Ferner ist es merkwürdig, dass Gott es zulässt, dass einige Menschen die Unwahrheit (ob bewusst oder nicht) in seinem Namen verbreiten, denn das fällt auf ihn zurück. Sollte ich zu dem Schluss gelangen (warum auch immer ...), dass Sutcliff die Wahrheit gesagt hat, dann müsste ich Gott als eine Auftragsmörder sehen - und das widerspricht dem heute gängigen Gottesbild. Ebenso wenig kann ich glauben, dass Moses die Ammoniter oder Kananiter im Auftrag Gottes umgebracht hat. Die Geschichte von der Gotteseingebung ist entweder erfunden, oder aber Gott befiehlt Krieg und Mord, eine dritte Möglichkeit sehe ich nicht. Die Archäologie hat mittlerweile herausgefunden, dass die blutige Eroberung des alten Israel nie stattgefunden hat, und darüber müssten die Gläubigen eigentlich erleichtert sein ... wenn wir jetzt nicht nur eine erfundene Geschichte hätten, sondern auch noch obendrein eine offensichtlich erfundene Gotteseingebung. Wie soll man da der Bibel glauben?

Wenn man die Geschichte nur symbolisch sieht - im Gegensatz zu den meisten Menschen, die von den Archäologen noch nichts gehört haben und den meisten Christen der Vergangenheit, die doch gläubig waren - so ist sie doch erstens unwahr, und zweitens muss man sich fragen, warum Gott sich als symbolischen Massenmörder in einer erfundenen Geschichte präsentiert (wie auch bei der Sintflut). Außerdem zeigt es sich, dass es nichts nützt, gläubig zu sein, man kann sich doch über den Glauben zum Irrtum gelangen, denn viele Christen haben diese Geschichte früher nicht symbolisch verstanden. Die Idee, es symbolisch zu nehmen, mutet wie eine spätere historische Erfindung an, was sie geschichtlich gesehen auch ist. Außerdem ist es doch merkwürdig, dass man nur die Geschichten symbolisch nehmen soll, deren fragwürdiger Wahrheitsgehalt offensichtlich ist. Immer dann, wenn man gerade wieder herausgefunden hat, dass eine Geschichte nicht wahr ist, wird die behauptet, es sei doch symbolisch gemeint. Denn in der Bibel ist durchaus auch von Gleichnissen die Rede, die nun niemand wörtlich verstehen würde - warum sagt man das nicht gleich dazu, sondern behält diese Wahrheit den Theologen des 20. Jahrhunderts vor?

Es ist auch nicht plausibel, anzunehmen, die Menschen hätten vor 2.000 Jahren nicht zwischen Gleichnissen und wahren Geschichten unterscheiden können, zwischen tatsächlicher und symbolischer Deutung - sonst hätte Jesus nicht von Gleichnissen geredet. Außerdem soll die Bibel doch angeblich auch für uns heute geschrieben worden sein, wo wir diese Unterscheidung treffen können - nicht immer zuverlässig, aber immerhin.

Verwandte Themen

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Weiterführende Links zum Thema

Biblical Errancy Dennis McKinsey hat sich die Arbeit gemacht und 16 Jahre lang in einer monatlichen Zeitschrift die Irrtümer und Widersprüche in der Bibel gesammelt - und diese Arbeit, alle 192 Ausgaben, finden Sie unter diesem Link.

Prophezeiungen in der Bibel - kritisch betrachtet Artikel von mir zu den biblischen Prophezeiungen.

Prophezeiungen über Jesus - kritisch betrachtet Wurde Jesus im alten Testament vorhergesagt? Wohl kaum.

Interessante Literatur zum Thema

Bibel: 2004, Bibel 2005. CD-ROM., R. Brockhaus, Haan. Das Buch der Bücher – laut Isaac Asimov eine der besten Begründungen für den Atheismus, die je ersonnen wurden.

Callahan, Tim: 1997, Bible Prophecy: Failure or Fulfillment?, Millenium Press, Altadena. Auseinandersetzung eines Historikers mit den angeblichen Prophezeiungen in der Bibel, gleichzeitig stellt das Buch den historischen Rahmen des AT dar.

Finkelstein, Israel und Silberman, Neil A.: 2002, Keine Posaunen vor Jericho, C. H. Beck, München. Moderne israelische Archäologen zeigen, dass die Bibel keineswegs die Wahrheit berichtet, sondern dass sie viel später entstand, als gemeinhin geglaubt wird - was auch die meisten Prophezeiungen als Prophezeiungen im Nachhinein entlarvt.

Langbein, Walter Jörg: 2004, Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments , Lagen/Müller, München. Ein Theologe listet die Fehler der Bibel auf (teilweise auch des Alten Testaments).

Leedom, Tim C. (Herausgeber): 1993, The Book Your Church Doesn't Want You to Read, The Truth Seeker Company, San Diego. Sammlug von Essays über die Gründe, nicht an Gott zu glauben und den Kirchen nicht zu trauen.

McKinsey, C. Dennis: 1995, The Encyclopedia of Biblical Errancy, Prometheus Books, New York. Eine Sammlung biblischer Fehler, Irrtümer und Widersprüchlichkeiten - wenn Gott der Autor der Bibel ist, so irrt er und widerspricht sich.

Ranke-Heinemann, Uta: 2002, Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum., Heyne, München. Eine sehr gründliche Demontage des Christentums, sehr fundiert und sehr sachlich, gut geschrieben.

Rohde, Norbert: 2004, Abschied von der Bibel Vom alten Glauben zum neuen Wissen , Books on Demand, Norderstedt. Gründliche Einführung in die dunkle Seite der Bibel und die Gründe, warum man der Bibel nicht trauen kann, erhellend und aufklärerisch ans Tageslicht gebracht.

Schepper, Rainer: 1998, Denn es steht geschrieben. Predigten eines Ungläubigen. Kritische Gedanken zum Neuen Testament, LIT Verlag, Münster. Ein weiteres Buch über die vielen ethischen Fragwürdigkeiten der Bibel, die Grundlage einer Moral sein soll.
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