Einführung in den Atheismus
Einführung in den Atheismus
Atheismus
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Atheisten.
Inhaltsverzeichnis:
- Was ist Atheismus?
- Warum sollte ich an Gott glauben?
- Glauben und Wissen
- Glauben und Vertrauen
- Glauben und Nichtglauben: gleichwertig?
- Gibt es Gründe für den Glauben?
- Links und Literaturverzeichnis
- Was ist mit der Gotteserfahrung?
Als Theismus bezeichnet man den Glauben an Gott. Als Atheismus demgegenüber einen Nicht-Glauben an Gott (A- ist eine Silbe der Verneinung).
Ein Atheist ist jemand, der nicht an Gott glaubt. Er ist nicht unbedingt jemand, der glaubt, es gäbe kein Gott. Mehr steckt tatsächlich nicht dahinter. Nach einem landläufigen Vorurteil ist ein Atheist ein Mensch, der glaubt, dass es keinen Gott gibt. Diese Haltung bezeichnet man als positiven oder starken Atheismus - sie wird ziemlich selten vertreten. Eine Position, bei der nur einfach der Glauben an Gott fehlt, nennt man negativen oder schwachen Atheismus.
Atheisten werden oft als Gottlose bezeichnet, meist mit dem Vorwurf, ein Atheist habe auch keine Moral. Das ist aber völlig falsch - eine Haltung, bei der die Moral abgelehnt wird, bezeichnet man als Nihilismus [1] oder als Amoralismus. Ein Atheist kann, muss aber nicht Nihilist oder Amoralist sein. Auch die meisten Atheisten folgen einer Moral (dazu später mehr), nur dass sich ein Atheist zur Begründung seiner Moral nicht auf Gott beruft [2].
Dann ist da noch die Bezeichnung Gottesleugner in Gebrauch. Leugnen wird in zwei Bedeutungen gebraucht, im eigentlichen Sinne heißt es "bestreiten". Demnach wäre ein Gottesleugner jemand, der Gott bestreitet (genauer: seine Existenz). Das trifft für die positiven Atheisten zu, aber nicht für die Mehrheit der Atheisten. Außerdem wird das Wort leugnen noch umgangssprachlich oft in dem Sinne benutzt, dass es sich darum handelt, etwas Wahres bewusst als falsch zu bezeichnen - und in diesem Sinne ist es falsch. Ein negativer Atheist weiß nicht, ob Gott existiert oder nicht. Er hält in der Abwesenheit von guten Gründen es für sinnvoller, sich einer Meinung darüber zu enthalten. An Gott zu glauben bedeutet natürlich, dass man überzeugt ist, Gott existiert. Der Atheist müsste wissen, dass Gott existiert, um ihn im umgangssprachlichen Sinne der "Gottesleugnung" zu beschuldigen. Aber so wenig wie der Theist weiß, ob Gott existiert, so wenig weiß dies der Atheist, er kann also nicht etwas, was er für wahr hält, leugnen. Ein Atheist kann nur sagen, dass er nicht weiß, ob Gott existiert oder nicht - und dass er es nicht sinnvoll hält, an Gott zu glauben. Er ist also ein Ungläubiger.
Atheismus als Weltanschauung ist oft (nicht immer) noch mit mehr verbunden, nämlich der Auffassung, dass die natürliche Welt alles ist, was es gibt (das bezeichnet man als starken Naturalismus) oder dass die natürliche Welt alles ist, was wir erfahren können (das bezeichnet man als schwachen Naturalismus). Mehrheitlich sind die Atheisten schwache Naturalisten, was bedeutet, dass sie weder an übernatürliche Wesen noch an ein Leben nach dem Tode glauben.
Warum sollte man nicht daran glauben, dass ein Gott existiert? Die meisten Theisten halten es für völlig legitim, zu glauben, dass es Zeus oder Thor oder Odin (oder einen der paar tausend anderen Götter, siehe auch Götter der Welt (→ http://www.goetter-der-welt.de/)) nicht gibt. Wie kommen sie dazu? Wenn es nicht richtig wäre, an die Nichtexistenz eines Gottes zu glauben, dann dürfte auch der Theist die Existenz von Zeus und anderen Göttern nicht leugnen (bestreiten). Theisten tun das aber im Allgemeinen, und Christen oder Muslime im Besonderen. Sie sind, was andere Götter angeht, starke Atheisten, zumindest glauben sie nicht an andere Götter. Ihren Unglauben halten sie für ihr selbstverständliches Recht bzw. für gerechtfertigt. Darin muss man ihnen zustimmen, aber es bedeutet auch, dass jeder das Recht hat, für keinen Gott eine Ausnahme zu machen, statt für einen bestimmten eine machen zu müssen.
Ein Atheist glaubt nur (bei tausenden von Göttern) an einen einzigen Gott weniger als der Theist, was bedeutet, dass der Theist ebenso ein "Gottesleugner" ist wie der Atheist, jedenfalls bei nahezu allen Göttern mit einer Ausnahme.
Wenn der Theist dem Atheisten das Recht bestreitet, an einen (seinen) Gott nicht zu glauben, dann bestreitet er sich selbst das Recht, an die anderen Götter nicht zu glauben.
Ohnehin finde ich es nicht nachvollziehbar, dass "alle Menschen an denselben Gott" glauben sollen. Man frage zehn Gläubige nach ihrem Gott, und man wird ein Dutzend verschiedener Antworten bekommen. Kaum einer glaubt an des anderen Menschen Gottes. Beziehen wir die Gläubigen anderer Kulturen mit ein, dann werden die Unterschiede noch dramatischer. An welchen von diesen Göttern soll ich denn nun glauben? Es gibt wohl einen "Gott des kleinsten gemeinsamen Nenners". Das bedeutet natürlich, dass auch die Gläubigen selbst nicht so furchtbar viel über ihren Gott wissen können, sonst wäre ihr Glauben einheitlicher.
Manchmal wandelt sich das Gottesbild eines Theisten während man mit ihm spricht (siehe auch Wer ist eigentlich Gott? (→ http://www.dittmar-online.net/religion/gott/weristgott.htm)). So werden viele logische Rückschlüsse von der Welt auf Gott gemacht - so wird Gott als Schöpfer bezeichnet, weil die Welt ja "irgendwo" herkommen muss [3]. Das geht nur, wenn so ein logischer Schluss bei Gott überhaupt möglich wäre. Aber schon ein paar Sätze später heißt es dann oft, dass man nicht die Logik benutzen kann oder darf, um damit auf Gott zu schließen. Ist Gott nun der Logik zugänglich oder nicht [4]? Darüber sind sich die Theisten untereinander uneinig, manchmal sogar mit sich selbst.
Informationen über den Autor: http://www.volker-dittmar.info (→ http://www.volker-dittmar.info). Sie können mir gerne eine E-Mail schreiben.
Diskussionsbedarf: Wer gerne ausgiebig mit mir öffentlich diskutieren möchte, der findet mich auf mykath.de (→ http://www.mykath.de/) unter dem Namen Volker.
© 2002-2005: Volker Dittmar (→ http://www.volker-dittmar.info): Weitergabe, Kopie ausdrücklich erlaubt - veröffentlicht unter der GNU Free Documentation License (→ http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) Version 1.2 oder höher.
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Man kann an alles Mögliche (und teilweise Unmögliche) glauben. Aber die Frage, die man sich stellen muss, ist doch die: Warum sollte man?
Man kann in den Religionen zwei verschiedene Strömungen unterscheiden. Die eine besteht darin, zu behaupten, dass es vernünftig ist, an Gott zu glauben und dass es dafür rationale Gründe gibt. Das bedeutet, dass zumindest die Existenz Gottes (aber nicht sein Wesen) über rationale Gründe der menschlichen Vernunft zugänglich ist. Die andere Strömung behauptet, dass es keine rationalen Gründe gibt oder gar geben kann, weil Gott prinzipiell (auch, was seine Existenz angeht) dem menschlichen Verstand nicht zugänglich ist.
Neben den rationalen Gründen gibt es noch emotionale Gründe (Gefühle), aus denen man an die Existenz Gottes glauben kann. Diese spielen oft eine große Rolle. Atheisten sind gegenüber diesen emotionalen Gründen meist sehr skeptisch. Es gibt eine Brücke zwischen emotionalen und rationalen Gründen, etwa wenn man behauptet, dass auch emotionale Gründe auf rationalen Gründen basieren oder umgekehrt, dass auch die emotionalen Gründe die Basis sind für rationale Gründe. In der Philosophie der Antike bis hin zur Neuzeit wurden aber meist nur rationale Gründe anerkannt bzw. rationalen Gründen wurde ein Vorrang eingeräumt gegenüber den emotionalen Gründen. Wenn ich beispielsweise von guten Gründen rede, dann meine ich damit stets rationale Gründe. Es gibt für diese Tradition der Geringschätzung emotionaler Gründe wiederum gute Gründe.
Das hängt damit zusammen, dass Emotionen oder Gefühle im wesentlichen Bewertungen von Gedanken oder Wahrnehmungen sind. Man muss dann fragen, warum bewerte ich etwas hoch oder niedrig oder gut oder schlecht und landet dann wiederum stets bei rationalen Gründen. Tut man dies nicht, also hinterfragt man seine Gefühle nicht, dann bleibt man bei der Auffassung stehen, dass etwas gut ist oder wahr, weil man es als gut oder wahr empfindet, und das ist kein ausreichender Grund, weil nichts mit sich selbst begründet werden kann oder sollte. Außerdem lassen sich Gefühle relativ schwer vermitteln - damit jemand ein Gefühl nachvollziehen kann, muss man es ihm mit Worten erklären, sofern die Erfahrung nicht unmittelbar einsichtig ist. Und dann ist man wieder bei einer "Übersetzung" von Emotionen in rationale Begriffe. Aus diesen Gründen werde ich der jahrtausendelangen philosophischen Tradition folgen und vor allem die rationalen Gründe betrachten, vor allem, wenn es um Erfahrungen geht, die nicht sofort und unmittelbar einsichtig sind. In der Philosophie geht es um den Austausch von Argumenten, und die wiederum sind meist frei von Wertungen oder die Wertung wird ausdrücklich als Grund genannt.
Wenn uns der Theist vernünftige, rationale Gründe oder Argumente nennen kann, an Gott zu glauben, dann wäre das in Ordnung. Aber nun heißt es "Glauben" und nicht "Wissen". Beim Wissen ist es teilweise schon schwierig genug, herauszufinden, was Sache ist, aber wie finde ich das beim Glauben heraus? Wenn es nur genauso schwierig wäre wie beim Wissen, dann gäbe es eine Möglichkeit, herauszufinden, ob Gott existiert. Immerhin, beim Wissen sind sich die Menschen meistens einig (zumindest grundlegend), beim Glauben sind sie sich aber sehr uneinig.
Außerdem kann Wissen falsch sein. Streng genommen ist es dann kein Wissen mehr, wenn es falsch ist - aber immerhin, wenn man es herausfindet, weiß man, was nicht der Fall ist. Wir drücken das auch sprachlich aus - wenn ich beispielsweise sage "Ich weiß, dass die Schlüssel auf dem Tisch liegen" und das ist nicht der Fall, dann sage ich nicht etwa "Ich habe aber gewusst, dass dort die Schlüssel sind", sondern ich sage "Ich habe aber geglaubt, dass sie dort sind". Glauben im Alltag drückt immer eine gewisse Unsicherheit - oder Vorsicht - aus. Beim Glauben (sagen die Gläubigen) sei das anders, dort gäbe es Gewissheit. Aber wenn dem so wäre, wer erklärt mir, warum Menschen überall auf der Welt an völlig andere Dinge glauben? Warum ist die Gewissheit des einen für den anderen ebenso gewiss falsch?
Beim Wissen ist es so, dass es Beweise (unterschiedlichster Art), Argumente oder gute Gründe dafür gibt, dass man etwas für wahr hält. In dem Wort Gewissheit steckt das Wort Wissen mit drin. Aber wenn es für den Glauben Beweise, Argumente oder gute Gründe gibt, warum nennt man dann das nicht "Wissen"? Offensichtlich, weil die Beweise etc. fehlen oder die Argumente nicht gut sind oder die Gründe schlecht. Aber warum soll ich bei fehlenden Beweisen, schlechten Argumenten und fehlenden oder schlechten Gründen an etwas stattdessen glauben? Im Alltag mache ich das nur, wenn ich keine andere Wahl habe [5], aber dann ist glauben auch nicht mehr als eine schwache Vermutung. Aber da im Zusammenhang mit dem Glauben an Gott von Gewissheit geredete wird - gar von Glaubensgewissheit - muss es sich um etwas anderes handeln als den alltäglichen Glauben, der ja noch viel unsicherer ist als das Wissen. Im Alltag müssen wir etwas glauben, wenn wir keine Beweise haben, keine guten Argumente oder Gründe. Gewissheit erlangen wir dadurch nicht, im Gegenteil, wir müssen glauben, weil es ungewiss ist.
Wenn also der Gläubige von Glaubensgewissheit redet, dann muss er etwas anderes meinen als den alltäglichen, unsicheren Glauben. Er kann auch das relativ gesehen sicherere Wissen nicht meinen, sonst würde er es nicht glauben nennen. Wenn es also Beweise oder gute Argumente oder Gründe für den Glauben der religiös Gläubigen gäbe, dann würden sie über ihr Wissen reden und sich nicht als Gläubige, sondern als Wissende bezeichnen. Da sie es nicht tun, muss ihr Glauben also in einem Für-wahr-halten ohne Beweise etc. bestehen. Wir haben auch im Alltag für unser Wissen nicht stets und immer Beweise zur Hand, aber doch meist Argumente oder gute Gründe. Je besser diese sind, umso mehr reden wir von Wissen, je schlechter sie sind, umso mehr reden wir von Glauben, mit fließenden Übergängen [6] - normalerweise. Fehlen sie ganz, so reden wir von Ungewissheit.
Wir werden im weiteren sehen, dass - auch in der Umgangssprache - das Wort "Gewissheit" noch anders gebraucht wird, nämlich als gefühlte Gewissheit. Auch hier spielen also die Gefühle wieder eine wichtige Rolle. Diese Gewissheit entspringt also nicht dem Wissen, sondern den Gefühlen, und wiederum muss man sich fragen, woher diese Gefühle kommen bzw. welchen Grund es dafür gibt.
Glauben besteht also - für den Gläubigen - darin, Gewissheit über etwas zu haben, ohne wenigstens gute rationale Gründe oder Argumente dafür zu besitzen. Oder anders gesagt, er glaubt, sich seines Glaubens gewiss zu sein! Aber halt, einige Gläubige (wenn nicht sogar die Mehrheit) sind trotzdem der Ansicht, sie hätten gute rationale Gründe für ihren Glauben - aber merkwürdigerweise reden sie dennoch nicht von Wissen.
Glauben, so wird uns ferner gesagt, besteht darin, in bestimmte Aussagen - den Glaubenssätzen - Vertrauen zu haben, und man muss sich fragen, woher dieses Vertrauen eigentlich kommt. Könnte er dieses Vertrauen durch Beweise, gute Argumente oder Gründe rechtfertigen, so würde er aber wiederum von Wissen reden - ich vertraue ja auch darauf, dass mein Wissen richtig ist, obwohl das oft nicht der Fall ist.
Wir könnten nun eine Linie aufmalen und beschriften, etwa so:
Unser Wissen erreicht nur selten die ganz linke Position - ich weiß z. B. dass ich existiere, dessen bin ich mir tatsächlich gewiss, und ich kann darüber auch nicht getäuscht worden sein. Denn wenn man mich täsuchen würde, mir vorgaukeln, dass ich existierte, dann müsste ich existieren, damit ich überhaupt darüber getäuscht werden kann. Ich würde mir also selber widersprechen, wenn ich behaupten würde, dass ich nicht existiere oder dass ich nicht sicher weiß, dass ich existiere. Aber außer diesem einfachen Beispiel ist alles andere schon nicht mehr so sicher wie dieses - außer dem religiösen Glauben, wie die Gläubigen behaupten.
Denn wenn wir nun die Gläubigen fragen, wo sich auf dieser Linie ihr Glauben befindet, so werden sie ganz nach links zeigen - in Richtung Gewissheit. Einige werden zugeben, dass sie keine starken Beweise haben, sich aber trotzdem gewiss sind, andere werden sagen, dass sie wenigstens gute Gründe haben und sich daher gewiss sind. Anders gesagt, die Gläubigen widersprechen sich untereinander. Oder?
Nicht unbedingt, denn was ich für einen guten Grund halte oder für ein Argument oder einen Beweis, muss ja nicht auch von dem anderen so verstanden werden. Und selbst Gläubige untereinander sind sich durchaus uneinig, was denn nun ein guter Beweis oder ein guter Grund ist. Da unterscheiden sie sich nicht von den Atheisten, die da auch nicht unbedingt immer derselben Auffassung sind.
Aber dies deutet darauf hin, dass eigentlich Uneinigkeit darüber besteht, was denn nun Beweise, Argumente und gute Gründe sind - nicht nur zwischen Atheisten und Gläubigen, sondern auch unter Gläubigen selbst. Und es deutet darauf hin, dass es sich um andere Gründe handelt, zu glauben, die nichts oder nicht viel mit Wissen zu tun haben. Auch für den religiösen Glauben gilt: Glauben heißt nicht wissen. Wir können also sagen, dass der religiöse Glauben - ganz im Gegensatz zum Alltagsglauben - darin besteht, dass man eine feste Überzeugung besitzt, deren man sich gewiss ist, obwohl die "normalen" Beweise und Argumente und guten Gründe nicht unbedingt für die Richtigkeit der Überzeugung sprechen (aber auch nicht dagegen, sondern etwas anderes, nämlich dass Gefühl, sich seiner Sache sicher zu sein). Man könnte auch sagen, dass Glauben gefühlte Gewissheit ist, dass Vertrauen darin, sich in einer Sache sicher sein zu können, auch in der Abwesenheit von Beweisen.
Dies zeigt, dass während Wissen eine Sache des Verstands ist (der von verstehen kommt), während der religiöse Glauben mehr aus dem Gefühl kommt, wobei sich beides durchaus überschneiden kann. Vor allem, so wird uns manchmal gesagt, gibt es keinen Widerspruch zwischen dem Wissen und der gefühlten Glaubensgewissheit - zumindest sagt die katholische Kirche dies so, dass muss nun nicht für alle Gläubigen gelten, nicht einmal für alle Katholiken. Das mag man so akzeptieren, aber im Einzelfall - so habe ich erfahren - beschäftigen sich Gläubige durchaus damit, das Wissen auf unserer Linie oben immer weiter nach rechts zu verschieben, etwa mit der Bemerkung, dass die Wissenschaft sich auch irren kann und dass die Wissenschaft auch nicht alles erklären kann, also mit der richtigen Feststellung, dass auch beim Wissen immer noch eine gewisse Unsicherheit vorhanden ist - was ja keiner bestreitet. Und sie tun es ganz gezielt genau dann, wenn man Wissen gegen ihren Glauben setzt, d. h. wenn man zeigt, dass sich unser Wissen und ihr Glauben irgendwo widersprechen - was eigentlich nicht gehen soll, aber eben doch vorkommt.
Man könnte auch sagen, dass sich normalerweise religiöser Glauben und Wissen nicht widersprechen, und wenn doch, dann hat der Glauben aufgrund seiner höheren Gewissheit Vorrang vor dem Wissen. Dazu muss man natürlich besonders hervorheben, dass unser Wissen letztlich nicht gewiss ist. Und je ungewisser das Wissen ist, umso gewisser der Glauben! Aber bedeutet dies nicht, dass es da trotzdem ein Spannungsfeld zwischen Wissen und Glauben geben muss? Warum sonst sollte man die Unsicherheit allen Wissens so sehr betonen, wenn nicht, um sich im Falle eines Konflikts die Hintertür offen zu halten, dass man es ja letzten Endes doch nicht sicher weiß? Wenn sich Glauben und Wissen nicht widersprechen würden, dann hätte man das nicht nötig. Dass die Gläubigen dies aber offenkundig nötig haben, deutet daraufhin, dass es einen Konflikt gibt zwischen religiösem Glauben und Wissen, dass die Gläubigen sich dessen sehr wohl bewusst sind, aber dass sie es gleichzeitig ablehnen.
Halten wir fest: Religiöser Glauben ist weder Wissen noch hat er etwas mit unserem Alltagsglauben zu tun (außer, dass verwirrenderweise dasselbe Wort dafür benutzt wird), sondern es handelt sich um eine feste Überzeugung mit einer gefühlten Gewissheit oder Sicherheit, die weder dem Wissen zukommt und schon überhaupt nicht dem Alltagsglauben. Religiöser Glauben und Wissen gehören also verschiedenen Bereichen an.
Und um nicht immer von "religiösem Glauben" schreiben zu müssen, werde ich im weiteren nur noch von "Glauben" reden, und wenn ich unseren alltäglichen, unsicheren und ungewissen Glauben meine, von Alltagsglauben.
Glauben, so wird ferner gesagt, besteht in einem festen Vertrauen in andere Personen. Mit Recht wird darauf hingewiesen, dass ich auch bei meinem Wissen anderen Menschen vertraue, etwa den Wissenschaftlern. Allerdings, bei der Wissenschaft handelt es sich um eine Gemeinschaft von Wissenden, denen ich vertraue, und die ihre Auffassung jederzeit beweisen können - vor allem auch untereinander - und die ihr Wissen meist verwerfen, wenn sie Beweise, Argumente oder gute Gründe haben, es für falsch zu befinden. Es handelt sich um eine Gemeinschaft, bei der Kritik groß geschrieben wird - man kritisiert sich untereinander, systematisch - und wo einer die Ergebnisse des anderen überprüft. Ich vertraue also in ein Wissensnetz, vor allem der Methode, mit der es erstellt wird. An die Wissenschaft muss man auch nicht glauben - obwohl viele Gläubige genau dies behaupten - sondern man könnte hingehen, und die Beweise, Argumente und Gründe genau nachprüfen, wenn man denn wollte. Aus Zeitmangel erspart man sich dies meist, aber immerhin, prinzipiell würde es gehen. Beim Glauben kann ich das nicht so ohne weiteres, weil meist an Dinge geglaubt wird, die sich jeder Nachprüfung entziehen. Das ist ein wichtiger Unterschied, der uns im weiteren noch beschäftigen wird.
Die Gläubigen hingegen vertrauen auf andere Gläubige, nicht auf Wissende oder Wissenschaftler - was ihren Glauben angeht. Im Alltag vertrauen sie meist genauso der Wissenschaft wie ich auch, mal mehr, mal weniger. Wenn es aber zu einem Konflikt kommt, ihr Glauben also dem Wissen widerspricht, sind sie eher bereit, dem Wissen als dem Glauben zu widersprechen. Ich bin Atheist, für mich gilt das Umgekehrte: Wenn ich einen Widerspruch sehe zwischen Glauben und Wissen, so vertraue ich eher dem Wissen. Mir fehlt ganz einfach beim Glauben das Gefühl, dass er so sicher ist, wie die Gläubigen behaupten.
Das kommt auch daher, dass sich die Gläubigen untereinander heftig uneins sind. Der eine hält es für gewiss, dass Jesus der Sohn Gottes war und nennt sich Christ, während der andere sich dessen gewiss ist, dass Jesus nur ein "normaler Mensch" war, und er nennt sich Muslim, Jude, Buddhist, Shintoist oder sonstwie. Auch Wissenschaftler können sich uneins sein, aber eher weniger bei den grundlegenden Dingen, gleichgültig, in welcher religiösen Kultur sie aufgewachsen sind und was sie sonst noch glauben - es gibt ja auch gläubige Wissenschaftler - aber kein Wissenschaftler würde irgendetwas mit religiösem Eifer glauben, sonst wäre er kein Wissenschaftler. Es gibt aber auch Laien, die der Wissenschaft so glauben wie ein Gläubiger der Gemeinschaft derer, die in etwa dasselbe glauben. Aber ich bin der Meinung, dass diese Laien etwas falsch machen - an die Wissenschaft sollte man nicht glauben wie ein Gläubiger, weil die Wissenschaftler dies auch nicht tun, jedenfalls nicht im Regelfall.
Ist es nicht seltsam, dass die Gläubigen so fest an einander widersprechende Dinge glauben? Der eine hält Jesus für den Sohn Gottes und folglich Mohammed für einen Schwindler, während der andere glaubt, dass Jesus nicht der Sohn Gottes ist, sondern ein Prophet Gottes wie auch Mohammed. Wenn sich Wissenschaftler untereinander widersprechen, dann ziehen sie sofort den Schluss, dass wir es hier mit Ungewissheit zu tun haben, dass wir nicht von relativ sicherem Wissen ausgehen können, während die Gläubigen darauf beharren, dass sie sich immer noch ihres Glaubens gewiss sein können. Während bei Wissenschaftlern Widersprüche sofort einen Zweifel an der Richtigkeit des Wissens aufkommen lassen, ist dies bei Gläubigen nicht der Fall.
Nicht, dass es nicht auch regelmäßig Glaubenszweifel bei Gläubigen gäbe, aber meist beruht das Vertrauen auf den Glauben auf der Abwesenheit von Zweifeln, Zweifel gelten als Untugend, während Glauben eine Tugend ist. Bei Wissenschaftlern ist das umgekehrt, Zweifel gelten als eine Tugend, die man pflegen muss, während Gewissheit eher auf Zweifel stößt und Glauben als eine Untugend gilt! Ich zweifle eher am Glauben als am Wissen, während dies bei Gläubigen umgekehrt ist, jedenfalls dann, wenn sich Glauben und Wissen widersprechen. Aber ich bin ja auch Atheist, bei mir stellt sich das Gefühl der Sicherheit nicht ein, wenn ich den Glauben an Gott betrachte, sondern ich habe meine (starken) Zweifel daran. Ich vertraue eher dem Wissen als einer festen Überzeugung.
Das liegt daran, dass ich keinen Zusammenhang sehe zwischen der Festigkeit einer Überzeugung und dem Wahrheitsgehalt einer Überzeugung. Zu allen Zeiten waren die Menschen fest davon überzeugt, dass etwas Wahres falsch war und etwas Falsches wahr. So glaubten früher viele Menschen ganz sicher daran, dass die Erde im Mittelpunkt des Universums stand und die Sonne und die Sterne um die Erde kreisten, während es doch so war, dass die Erde um die Sonne kreiste und diese wiederum um das Zentrum der Milchstraße. Dabei spielt auch keine Rolle, dass es die Mehrheit der Menschen war, die diesem Irrtum unterlagen. Es waren daher auch nicht Gläubige, die diesen Irrtum aufdeckten, sondern Wissenschaftler. Ohne die Wissenschaftler wären die Gläubigen immer noch felsenfest davon überzeugt, dass die Sonne um die Erde kreist. Wenn wir dies inzwischen besser wissen, dann ist dies kein Verdienst der Gläubigen, die einen Zweifel an ihrem Glauben ja meist versuchen zu vermeiden.
Und warum sollte ich überhaupt, wie die Gläubigen auch, nicht die gefühlte Gewissheit haben können, dass kein Gott existiert oder kein Grund dafür, an ihn zu glauben? Warum sollte ich nicht darauf vertrauen können, dass es keinen Gott gibt, nach derselben Maßgabe, mit der Gläubige das Umgekehrte glauben? Wenn die Festigkeit der Überzeugung ein Maß dafür wäre, was wahr ist und was falsch, dann dürfte ich auch dieselbe Art der Gewissheit haben, dass kein Gott existiert. Zwar habe ich keine Gewissheit, dass es keinen Gott gibt, aber angenommen, dem wäre so? Warum sollte ich nicht meinen Gefühlen ebenso vertrauen wie der Gläubige auch? Wenn es richtig ist, dass etwas deswegen wahr ist, weil ich fühle, dass es gewiss richtig ist, dann gilt es auch für den Glauben, dass es keine Götter gibt.
Kann das Gefühl, etwas sei wahr, überhaupt ein guter Grund sein, etwas für wahr zu halten? Wer sagt, dem sei so, dem kann ich einfach entgegnen, dass ich eben keinen Gott spüre und dass mir mein Gefühl sagt, dass es da auch keinen Gott gibt. Damit wären wir dann am Ende der Debatte angekommen - warum sollte ich Beweise, Argumente oder Gründe dafür vorlegen, dass ich nicht an Gott glaube, wenn der Gläubige nicht bereit ist, dies für seine Auffassung auch zu tun? Warum sollte ich meinen Unglauben gegen Zweifel verteidigen, wenn der Gläubige nicht bereit ist, seinen Glauben gegen Zweifel zu verteidigen? Warum mal so und mal anders? Müsste man nicht wenigstens Gründe angeben können, warum ich nicht tief in meinem Inneren fühle kann, dass es keinen Gott gibt oder zumindest keinen Grund, an Gott zu glauben? Nur, weil es alle anderen tun, ist kein Grund - abgesehen davon, dass dies auch nicht stimmt, ungefähr 20% aller Menschen sind Atheisten, vermutlich sind es sogar noch mehr.
Wie man sieht, kann ich nicht so ohne weiteres auf Gründe verzichten, aus denen ich glaube. Keine Gründe zu haben spricht ausschließlich für den Nichtglauben. Allenfalls könnte man behaupten - wie viele Gläubige es tun - dass in der Abwesenheit von Gründen gleichviel für den Glauben und den Nichtglauben spricht. Aber normalerweise - im Alltag, in der Wissenschaft - gibt es diese Gleichwertigkeit von Glauben und Nichtglauben nicht. Wenn ich Ihnen sage, dass ich glaube, Sie schulden mir noch 1.000 Euro, dann reicht es völlig aus, wenn Sie sagen: Das glaube ich nicht. Wenn vor Gericht Glauben gegen Nichtglauben steht, und mehr nicht, dann gewinnt fast immer der Unglauben:
Staatsanwalt: Ich glaube, dass X der Mörder ist.
Verteidiger: ich glaube, er war es nicht. Haben Sie Beweise, dass X der Mörder ist, gute (sehr gute!) Argumente oder gute (sehr gute!) Gründe, ihn für den Mörder zu halten?
Staatsanwalt: Nein, die habe ich nicht.
Richter: Freispruch! Ich kann nicht glauben, dass X der Mörder ist.
Bei den 1.000 Euro ist das auch so - nicht Sie müssen beweisen, dass Sie mir kein Geld schulden, vielmehr muss ich beweisen, dass Sie mir etwas schulden! Ansonsten wird niemand glauben, dass Sie mir 1.000 Euro geben müssen - gleichgültig, wie fest auch meine eigene Überzeugung ist. Man sagt, dass derjenige, der eine Behauptung aufstellt, auch den Beweis für die Richtigkeit der Behauptung abgeben muss, sonst wird niemand glauben, dass die Behauptung stimmt (außer vielleicht dem, der die Behauptung aufstellt). Man nennt dies eine Beweislast. Derjenige trage diese Last, der etwas behauptet (sofern es für andere Konsequenzen hat).
Nun kennen wir auch Fälle, wo es eine Beweislastumkehr gibt. Wenn ich behaupte, dass Produkt der Firma Y sei gesundheitsschädlich, dann muss unter genau geregelten Umständen die Firma beweisen, dass dies nicht der Fall ist. Theologen sind nun oft - aber nicht immer - der Meinung, wenn ich als Atheist behaupte, dass es keinen Gott gibt, dann müsse ich das beweisen, und nicht der Theologe das Gegenteil. Allerdings, ich behaupte als Atheist nur, dass ich nicht an Gott glaube, dass ich keine Sicherheit verspüre, dass es einen Gott gibt. Wie sollte ich das beweisen können? Umgekehrt sagen ja auch die Gläubigen, dass sie sicher fühlen, dass es einen Gott gibt, aber können sie das beweisen? Nein, und das ist auch überflüssig, denn ich glaube ihnen das auch so! Warum sollte mir also niemand glauben, dass ich keinen Glauben an Gott habe? Ebenso gut könnte ich ja auch behaupten: "Ich glaube nicht, dass Du an Gott glaubst!". Ich müsste schon beweisen, dass dem so ist, was ich aber nicht kann, und wozu ich auch keine Veranlassung sehe. Also muss mir auch der Gläubige glauben, dass ich nicht an Gott glaube - ein Beweis dafür braucht niemand von uns, die Behauptung, ich glaube oder ich glaube nicht, muss schon ausreichen. Mehr haben wir nicht, mehr bekommen wir nicht, mehr brauchen wir auch nicht.
Nein, ich sehe weder ein, warum ich beweisen sollte, dass ich nicht an Gott glaube, noch sehe ich ein, warum ich beweisen sollte, dass es keinen Gott gibt, weil ich ja auch nicht behaupte, dass es keinen Gott gibt, und warum solle ich eine Behauptung, die ich nicht vertrete, beweisen sollen? Ich verlange auch von dem Gläubigen nicht, dass er beweist, dass er an Gott glaubt, ich nehme ihm dies unbesehen ab.
Erst wenn ich behaupte: "Es gibt keinen Gott", dann kann man von mir erwarten oder verlangen, dass ich das beweise. Und umgekehrt: Wenn der Gläubige sagt es gibt einen Gott, dann kann ich von ihm erwarten, dass er mir Beweise, Argumente oder gute Gründe für seinen Glauben vorlegt, wenn er mich überzeugen möchte. Aber solange ich dem Gläubigen nicht beweisen möchte, dass es keinen Gott gibt, solange muss ich nichts dafür tun.
Und eine Beweislastumkehr kommt nur dann in Frage, wenn es überhaupt möglich ist, zu beweisen, dass es keinen Gott gibt. Nun behaupten aber viele Gläubige, dass es unmöglich sei, zu beweisen, dass es keinen Gott gäbe. Angenommen, das stimmt, wieso erwartet dann der Gläubige von mir, dass ich es beweise, obwohl es erstens unmöglich ist und ich zweitens keineswegs behaupte, dass es keinen Gott gibt? Hat der Gläubige recht, und ich kann die Nichtexistenz Gottes nicht beweisen, dann kann er das nicht von mir verlangen. Andernfalls gibt der Gläubige zu, dass er nicht recht hat, wenn er behauptet, dass man nicht beweisen könne, dass es keinen Gott gibt. Nur wenn der Gläubige diesen Irrtum zugibt, kann er erwarten, dass ich ihm beweise, dass es keinen Gott gibt - aber das will ich keineswegs.
Wenn also der Gläubige behauptet, dass es Gott gibt, dann kann er keineswegs verlangen oder erwarten, dass ich ihm das Gegenteil beweise. Sein Glauben wird auch nicht dadurch gerechtfertigt, dass ich es ihm nicht beweisen kann, dass er irrt.
Warum glaubt der gläubige Christ nicht, dass Zeus existiert? Weil er keinen Grund sieht, an Zeus zu glauben. Warum glaube ich nicht an den christlichen Gott? Weil ich keinen Grund sehe, an ihn zu glauben. Wenn es für den Gläubigen ausreicht, nicht an Zeus zu glauben, weil es keine Gründe dafür gibt oder weil er glaubt, dass es sich um einen Mythos, eine Legende oder ein Märchen handelt, warum sollte ich dann bessere Gründe haben müssen, nicht an den christlichen Gott zu glauben? Wenn die Gründe, aus denen der Gläubige nicht an Zeus glaubt, für ihn gut genug sind, warum sollten dann meine Gründe, nicht an den christlichen Gott zu glauben, für mich nicht ebenso überzeugend sein?
Der Gläubige bestreitet für alle Götter außer einem, dass man Gründe braucht, nicht an sie zu glauben. Ich sehe nur keinen Grund, bei seinem Gott eine Ausnahme von dieser vernünftigen Regel zu machen. Wenn der Gläubige diese allgemeine Regel für seinen Gott bricht, dann müsste er triftige Gründe dafür haben, sonst habe ich alle Gründe, nicht an seinen Gott zu glauben, die man dafür braucht.
Zu sagen, man braucht keine Gründe, um an Gott zu glauben, aber man braucht Gründe, um nicht an Gott zu glauben, ist für mich nicht akzeptabel, vor allem, wenn man dem Gläubigen zustimmt, dass man die Nichtexistenz von Gott sowieso nicht beweisen kann oder es keine Gründe oder Argumente gegen seine Existenz geben kann.
Nun sind zwar viele Gläubige davon überzeugt, dass es keine Gründe geben kann, an Gott oder nicht an Gott zu glauben, aber eben nicht alle. Leider gibt es Gläubige, die beide Taktiken verfolgen - zuerst wollen sie mir einreden, dass ich nur dann nicht an Gott glauben darf, wenn ich seine Nichtexistenz beweisen kann, obwohl ich ja überhaupt nicht behaupte, dass es keinen Gott gibt, dann reden sie davon, dass es keine Beweise gegen Gott geben kann, ich aber beweisen müsse, dass es keinen Gott gibt, um meinen Nichtglauben zu rechtfertigen, obwohl ich immer noch nicht behaupte, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass ich nicht an ihn glaube! Das ruft ein tiefes Misstrauen in mir hervor, ich habe nun das Gefühl, dass mit dem ganzen Konzept des Glaubens etwas nicht stimmen kann. Und es ist dieses tiefe Unbehagen, auf dem mein Unglauben beruht - zunächst. Später werden wir sehen, dass dieses Unbehagen gerechtfertigt ist, aber im Moment reicht es, dass ich es habe, und wenn der Gläubige fühlt, dass er recht hat, so fühle ich, dass er Unrecht haben muss, dass es bei seinem Glauben "nicht mit rechten Dingen" zugeht. Und mir reicht dies als Grund für meinen Unglauben aus.
Aber dann gibt es Gläubige, die behaupten, sie hätten gute Gründe, um an Gott zu glauben. Das hört sich schon wesentlich besser an. Allerdings gibt es bei vielen - meiner Meinung nach - dieser Gründe ein paar "Webfehler". Der erste Fehler ist es, wenn man behauptet, dass es zwar Gründe gibt, an Gott zu glauben (wenn diese so gut sind, wie er behauptet, warum redet er dann nicht von Wissen???), aber dass es keine Gründe geben kann, nicht an Gott zu glauben. Oder anders gesagt, man kann zwar in gewisser Hinsicht beweisen, dass es Gott gibt (wenn es Gott gibt, so wäre dies ein sehr guter Grund, an ihn zu glauben - aber dann würde man andererseits auch nicht von Glauben reden), aber es sei gänzlich unmöglich, zu beweisen, dass es Gott nicht gibt.
Ich kenne allerdings sonst nichts, von dem man beweisen könnte, dass es existiert, aber nicht nach den gleichen Maßstäben prinzipiell beweisen könnte, dass es nicht existiert! Zunächst muss man sagen, dass man Beweise für die Existenz für etwas nur dann braucht, wenn es nicht offensichtlich ist. Kaum jemand glaubt, dass es die Sonne oder die Erde nicht gibt, und wenn doch, dann führt dies auf ziemlich abgehobene philosophische Ebenen, und dann, wenn man dem Bestreiter der Existenz der Sonne glaubt und seinen Argumenten folgt, dann ist überhaupt nichts sicher und nichts gewiss, außer vielleicht meiner eigenen Existenz. Dann muss natürlich auch die Existenz Gottes, den ich nicht so offensichtlich wahrnehmen kann wie die Sonne, für noch weitaus unsicherer halten als die Existenz der Sonne!
Die Gläubigen behaupten aber zumeist, dass sie deswegen keinen Beweis für die Existenz Gottes brauchen, weil sie sich sehr sicher sind. Ich wundere mich zwar über ihre Sicherheit, weil ich die nicht teilen kann - ich behaupte ja nicht, dass ich mir sicher bin, dass es keinen Gott gibt, sondern vielmehr, dass ich mir sicher bin, dass ich nicht an Gott glaube. Aber wenn man diese Sicherheit haben kann, dass es also sicher ist, dass Gott existiert, obwohl es keine Beweise dafür gibt, warum kann sich dann ein Atheist nicht sicher sein, dass es keinen Gott gibt, auch wenn er keine Beweise dafür hat?
Das ist für die Gläubigen ein Dilemma: Geben sie zu, dass sie keine Beweise brauchen, weil sie sich sicher sind, dass Gott existiert, dann können sie schwerlich bestreiten, dass ein Atheist sagt, dass er keinen Beweis für die Nichtexistenz Gottes braucht. Geben sie zu, dass man Beweise für Gott braucht, um an ihn glauben zu können, dann geben sie zu, dass ihr Glauben nicht so sicher sein kann, wie sie behaupten.
Um diesen Dilemma zu entkommen, sagen viele Gläubige, dass sie selbst zwar keine Beweise brauchen, um sich sicher zu sein, aber dass sie diese Beweise bräuchten, um einen Ungläubigen wie mich von der Existenz Gottes zu überzeugen. Wenn sie allerdings gleichzeitig noch glauben, dass man die Existenz Gottes weder beweisen noch widerlegen kann, dann stimmt da etwas nicht, denn dann wären ja auch ihre Beweise - wie sie selbst zugeben - nicht stichhaltig, warum sollte ich dann ihren Beweisen glauben schenken? Wenn also ein Gläubiger behauptet, dass man Gott nicht beweisen kann - dann würde man ja von Wissen und nicht von Glauben reden - dann bedeutet dies doch wohl, dass ich jeden Beweis, den er mir vorlegt, ohne genaueres Hinsehen verwerfen kann. Warum sollte ich ihm glauben, dass man Gott nicht beweisen kann, ihm aber seine Beweise - gleich welcher Art - abnehmen? Ich müsste ihm gleichzeitig glauben, dass man Gott beweisen kann und ich müsste ihm glauben, dass man Gott nicht beweisen kann! Und das kann ich einfach nicht. Es ist mir unmöglich, etwas zu glauben, was sich so fundamental widerspricht. Und irgendwie erhöht dies mein Misstrauen gegen das Konzept des Glaubens noch weiter ... Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich "über den Tisch gezogen" werden soll [7], wenn ich für den Glauben akzeptieren müsste, dass es keine Beweise dafür gibt und keine dagegen, dass es aber Beweise für Gott gibt. Und statt Beweisen könnte man auch "Argumente" oder "gute Gründe" einsetzen, ohne dass dies etws ändert.
Und wenn man nun denjenigen Gläubigen folgt, die sagen, es gibt Beweise für Gott, ja, man kann ihn auch beweisen, warum reden die dann von Glauben und nicht von Wissen? Wenn ihre Beweise gut sind und sie selbst völlig überzeugen würden, dann würden sie sagen "Ich weiß, dass Gott existiert". Aber das tun sie nicht - und daher können ihre Beweise oder Argumente oder Gründe auch nicht gut sein, sie sind nicht einmal selbst davon völlig überzeugt - und wieso sollte ich ihnen etwas glauben, von dem sie offensichtlich nicht selbst überzeugt sind? Wenn ich Gründe für etwas anführe, von denen ich nicht überzeugt bin, dann sage ich das auch ehrlich und erwarte nicht, dass der andere sie auch überzeugend findet - das wäre unredlich. Aber der Gläubige erwartet von mir, dass ich Gründe, die er selbst nicht überzeugend finden kann, akzeptiere - und da regt sich wieder mein Misstrauen, dass mit dem Glauben etwas nicht stimmen kann. Dazu muss ich mir die Beweise für Gott nicht einmal angesehen haben, der Verdacht regt sich, dass der Gläubige aus ganz anderen Gründen glaubt, als er mir erzählt. Warum sagt er mir dann nichts über die "wahren Gründe"? Entweder, er könnte es, tut es aber nicht - aber dafür sehe ich keinen Grund, außer dem, das er versucht "mich übers Ohr zu hauen", aber davon gehe ich nicht aus, ich glaube dem Gläubigen, dass er ehrlich überzeugt ist, dass es Gott gibt - oder er weiß selbst nicht, warum er eigentlich glaubt. Und das finde ich höchst interessant!
Ich muss also zu dem Schluss kommen, dass der Gläubige nicht weiß, warum er glaubt, und in seiner Hilflosigkeit versucht, mir Gründe für den Glauben zu liefern, von denen er nicht überzeugt ist. Er ist sich also sicher, dass Gott existiert, aber sein Verhalten zeigt genau das Gegenteil! Könnte es sein, dass der Gläubige nur seine Zweifel verdrängt, beiseite schiebt, sie ignoriert? Welchen anderen Schluss gäbe es noch dafür? Beruht dann der ganze Glauben nicht nur darauf, seine Zweifel beiseite zu schieben? Aber ich will nicht (noch nicht) über die inneren Befindlichkeiten des Gläubigen spekulieren. Im Moment muss ich es einfach akzeptieren, dass sein Verhalten höchst widersprüchlich ist, dass mir diese Kopfzerbrechen bereiten, mein Unbehagen am Glauben erhöhen - und dass ich deswegen nicht glauben kann.
Wenn mir nun ein Gläubiger vorwirft, dass ich nicht glauben wolle, dann muss ich zugeben, ja, das stimmt, aber ich will es nicht, weil ich es nicht kann! Ich kann daher beim besten Willen nicht an Gott glauben. Und deswegen bin ich Atheist.
Weiterführende Links zum Thema
Warum ich Atheist bin (→ http://www.dittmar-online.net/atheismus/index.html#start) Ebenfalls eine Begründung von mir - Sie dachten doch nicht etwa, dass dies schon alles sei?
Wer ist eigentlich Gott? (→ http://www.dittmar-online.net/religion/gott/weristgott.html) Anmerkungen zu den Eigenschaften Gottes.
Das Theodizeeproblem (→ http://www.dittmar-online.net/religion/theodizee.html) Wohl das bekannteste Argument gegen Gott.
Das Argument des Unglaubens (→ http://www.dittmar-online.net/atheismus/save.html) Ein Argument für die Nichtexistenz Gottes.
Interessante Literatur zum Thema
Angeles, Peter Adam: 1981,
The Problem of God: A Short Introduction, Prometheus Books, New York. Philosophische Einführung in die Gottesbeweise samt ihrer gründlichen Widerlegung.
Barker, Dan: 1992b,
Losing Faith In Faith. From Preacher To Atheist., Freedom From Religion Foundation, Inc., Madison. Das Buch eines Mannes, der 19 Jahre lang fundamentalistischer Priester war und der
Atheist wurde. Humorvoll zu lesen, aber eben auch sachlich-fundiert.
Boyer, Pascal: 2004,
Und Mensch schuf Gott, Klett-Cotta , Stuttgart. Eine anthropologische, neurobiologische und linguistische Theorie, warum der Mensch Gott erfinden musste, eine Theorie sämtlicher existierender Religionen - gründlich fundiert und experimentell abgesichert. Ein Muss, wenn man wissen will, wieso die Religionen entstanden sind.
Gale, Richard M.: 1993,
On the Nature and Existence of God, Cambridge University Press, Cambridge. Sehr in die Tiefe gehendes Werk über die Natur Gottes.
Küng, Hans: 2001,
Existiert Gott? Antwort auf die Gottesfrage der Neuzeit, Piper, München. Auseinandersetzung mit der Frage nach der Existenz Gottes aus theologischer Sicht, fundiert, aber langatmig und wenig befriedigend
Mackie, John L.: 1985,
Das Wunder des Theismus, Reclam, Ditzingen. Eine der besten deutschsprachigen Einführungen in den
Atheismus.
Martin, Michael: 1990,
Atheism: A Philosophical Justification, Temple University Press, Philadelphia. Das grundlegende Werk zur Einführung in den
Atheismus, sehr anspruchsvoll.
Martin, Michael (Hrsg.) und Monnier, Ricki (Hrsg.): 2002,
The Impossibility of God, Prometheus Books, New York. Ein Buch mit sog.
atheologischen Argumenten, die beweisen, dass es keinen Gott geben kann.
Musgrave, Alan: 1993,
Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus. Eine historische Einführung in die Erkenntnistheorie., UTB, Stuttgart. Gelungene und gut zu lesende Einführung in die Philosophie mit dem Schwerpunkt auf Erkenntnistheorie.
Poidevin, Robin Le: 1996,
Arguing for Atheism: An Introduction to the Philosophy of Religion, Routledge, New York. Argumentativ gute bis sehr gute Einführung in die Gründe, nicht an Gott zu glauben.
Smith, George H.: 1979,
Atheism : The Case Against God, Prometheus Books, New York. Gründliche und systematische Einführung in den
Atheismus.
Vielleicht muss man unterscheiden zwischen den Gründen, zu denken, Gott existiert und den Gründen, an ihn zu glauben. Allerdings weiß ich nicht, wie ich an Gott glauben kann, wenn ich nicht zugleich auch an seine Existenz glaube.
Aber viele Gläubige haben einen sehr guten Grund, an Gott zu glauben: Die sog. persönliche Gotteserfahrung. Laut einer Umfrage von Gallup hatten ca. 10% aller amerikanischen Kirchgänger eine persönliche Gotteserfahrung (laut Leedom 1993, siehe Literaturverzeichnis am Ende der Seite). Wenn man persönlich Gott erfahren hat, ist das doch ein starker Beweis! Nur, was bringt mir als Ungläubigem dieses Argument?
Der berüchtigte Serienmörder Peter Sutcliff (→ http://www.crimelibrary.com/serial_killers/predators/sutcliffe/mask_1.html) (dreizehn Frauen ermordet, sieben schwer verletzt) beruft sich darauf, dass er Gottes Stimme gehört hat, um seine Morde zu begehen.
Warum sollte ich ihm dies glauben? Die meisten Gläubigen (die weitaus überwiegende Mehrheit, wenn nicht sogar alle) würden dies nicht tun. Dass Sutcliff ein Mörder war, ist kein Argument, Moses bekam von Gott ebenfalls den Auftrag zu Massenmorden von weitaus üblerer Sorte. D. h. wenn man nun sagt, Peter Sutcliff habe nicht die Stimme Gottes gehört, weil er Morde beging - er log entweder oder war im Irrtum - muss man nach diesem Maßstab sagen, dass auch Moses log oder sich irrte. Wenn man aber Moses glaubt, müsste man nach denselben Maßstäben auch Peter Sutcliff glauben. Aber letzteres, wie gesagt, wird wohl kein Gläubiger tun (ich auch nicht), und nach dem Maßstab der Gläubigen müsste man auch Moses misstrauen.
Wenn nun jemand sagt, er habe aber wirklich die Stimme Gottes gehört (als Beispiel einer Gotteserfahrung), weil dieser ihm gesagt hat, er solle Gutes tun, dann mag das für ihn verpflichtend sein, aber nicht für mich, ich habe nichts von Gott gehört, und ich kann nicht unterscheiden, ob er sich irrt oder nicht - er könnte mich sogar belügen (obwohl ich das nicht glaube), ohne dass ich das merken würde, so wenig wie ich bei Sutcliff Irrtum, Lüge oder Wahrheit voneinander unterschieden kann. Wir nennen Dinge gleich, wenn wir sie nicht unterscheiden können. Ich kann mir also kein Urteil erlauben, ob es stimmt, was der Gläubige sagt, folglich kann ich dies auch nicht zu einer Basis machen, ob ich dem Gläubigen glaube oder nicht. Er selbst tut dies nämlich auch nicht, wie der Fall Peter Sutcliff beweist, warum sollte ich mich anders verhalten, als er es tut? Ich habe also in jedem Fall - egal, was Gott ihm gesagt hat - berechtigte Gründe, seine Behauptung zurückzuweisen. Es mag für ihn ein Beweis sein, aber nicht für mich.
Es gäbe eine Ausnahme, nämlich dann, wenn mir der Gläubige eine Botschaft von Gott übermittelt, die er als Mensch unmöglich wissen kann (Beispiele: Koordinaten und einen Zeitpunkte in der Zukunft, an dem eine Sonne explodiert - Menschen können dies nicht vorhersagen, oder ein in der Zukunft liegendes Erdbeben). In diesem Fall müsste ich davon ausgehen, dass er wirklich die Stimme eines uns weit überlegenen Wesens gehört hat, was seine Geschichte glaubwürdig macht. Allerdings, wegen der Schwere seiner Behauptung, die Stimme Gottes gehört zu haben, die mir etwas sagen soll - obwohl Gott doch sicher mit mir selbst reden könnte und man sich fragen müsste, warum er dies nicht tut - müsste seine Vorhersage keinem halbwegs begründeten Zweifel unterliegen. An den sog. "Prophezeiungen" der Bibel gibt es aber gut begründete Zweifel - die meisten Prophezeiungen sind entweder so allgemein, dass sie auch ein Mensch mühelos gemacht haben könnte, oder sie sind nicht eingetroffen, oder sie wurden erst niedergeschrieben, als die Ereignisse längst vergangen waren - siehe auch die Links am Ende dieser Seite.
Ich kenne keinen Bericht, wo Gott den Menschen etwas gesagt hat, was diese nicht selber wissen oder wissen können, und ihnen widersprüchliche Dinge sagt (den Juden etwas anderes als den Muslimen oder Christen oder Hinduisten oder Shintoisten oder ...), habe ich keine Veranlassung, dies zu glauben. Der Gläubige würde dies an meiner Stelle nämlich auch nicht tun, er glaubt den Juden, Muslimen, Hinduisten, ... auch nur das, was er selbst bereits vorher für wahr gehalten hat. Da ich es für wahr halte, dass kein Gott existiert, habe ich, wenn ich genau das tue, was der Gläubige für richtig hält, keinen Grund, ihm zu glauben. D. h. ich glaube ihm schon, dass er glaubt, die Stimme Gottes gehört zu haben, aber ich glaube nicht, dass dies der Fall war, und wenn doch, kann ich dies nicht zur Basis eines Glaubens an Gott machen.
Offenbarung ist (wie Thomas Paine sagte) notwendig auf die erste Kommunikation beschränkt. Kommunikation "aus zweiter Hand" - sei es schriftlich oder mündlich - kann für mich kein Argument sein, weil es der Gläubige auch nicht anerkennt - mit einer Ausnahme, und er müsste mir plausibel machen, warum ich hier ebenfalls eine Ausnahme machen sollte, die er im umgekehrten Fall auch nicht machen würde.
Kurz, ich berufe mich darauf, wie sich der Gläubige selbst verhält, ich mache das zum Maßstab, was er selbst für vernünftig hält, nicht, was ich selbst für vernünftig halte! Letztlich muss er zugeben, dass er an meiner Stelle das auch nicht glauben würde. Damit hat er sein eigenes Argument widerlegt bzw. festgestellt, dass es keins ist, dem ich folgen kann.
Ich frage mich ohnehin, warum die Götter uns meist Dinge mitteilen, die auch von Menschen stammen könnten, und warum sie uns nichts Nützliches erzählen, z. B. was gegen Krebs hilft, oder wie man die Kindersterblichkeit senkt - da müssen wir aber weiterhin der Wissenschaft vertrauen.
Es gibt ein bekanntes Schema, mit dem man die schlechten Argumente von guten Argumenten unterscheiden kann - ich nenne es Schema V:
Schema V:
Wenn ein Grund, ein Argument, ein Kriterium etc. für eine Sache und gleichzeitig gegen diese Sache oder für eine widersprechende Sache spricht, dann kann mit diesem Grund, Argument, oder Kriterium etwas nicht stimmen (es muss ungültig sein, d. h. es etabliert nicht, was es soll), völlig gleichgültig, für wie einleuchtend oder plausibel wir diesen Grund etc. auch immer halten mögen.
Mondbeispiel
Da die einen Gläubigen sagen, Gott habe ihnen dieses gesagt, während andere Gläubige jenes gehört haben, können wir nicht glauben, dass ein einheitlicher Gott, der nicht lügt (sich also auch nicht widerspricht) dieses gesagt haben kann. Man könnte natürlich sagen, dass der eine wahr spricht, während der andere lügt oder sich irrt, aber wir können nicht unterscheiden, was bei wem der Fall ist.
Ferner ist es merkwürdig, dass Gott es zulässt, dass einige Menschen die Unwahrheit (ob bewusst oder nicht) in seinem Namen verbreiten, denn das fällt auf ihn zurück. Sollte ich zu dem Schluss gelangen (warum auch immer ...), dass Sutcliff die Wahrheit gesagt hat, dann müsste ich Gott als eine Auftragsmörder sehen - und das widerspricht dem heute gängigen Gottesbild. Ebenso wenig kann ich glauben, dass Moses die Ammoniter oder Kananiter im Auftrag Gottes umgebracht hat. Die Geschichte von der Gotteseingebung ist entweder erfunden, oder aber Gott befiehlt Krieg und Mord, eine dritte Möglichkeit sehe ich nicht. Die Archäologie hat mittlerweile herausgefunden, dass die blutige Eroberung des alten Israel nie stattgefunden hat, und darüber müssten die Gläubigen eigentlich erleichtert sein ... wenn wir jetzt nicht nur eine erfundene Geschichte hätten, sondern auch noch obendrein eine offensichtlich erfundene Gotteseingebung. Wie soll man da der Bibel glauben?
Wenn man die Geschichte nur symbolisch sieht - im Gegensatz zu den meisten Menschen, die von den Archäologen noch nichts gehört haben und den meisten Christen der Vergangenheit, die doch gläubig waren - so ist sie doch erstens unwahr, und zweitens muss man sich fragen, warum Gott sich als symbolischen Massenmörder in einer erfundenen Geschichte präsentiert (wie auch bei der Sintflut). Außerdem zeigt es sich, dass es nichts nützt, gläubig zu sein, man kann sich doch über den Glauben zum Irrtum gelangen, denn viele Christen haben diese Geschichte früher nicht symbolisch verstanden. Die Idee, es symbolisch zu nehmen, mutet wie eine spätere historische Erfindung an, was sie geschichtlich gesehen auch ist. Außerdem ist es doch merkwürdig, dass man nur die Geschichten symbolisch nehmen soll, deren fragwürdiger Wahrheitsgehalt offensichtlich ist. Immer dann, wenn man gerade wieder herausgefunden hat, dass eine Geschichte nicht wahr ist, wird die behauptet, es sei doch symbolisch gemeint. Denn in der Bibel ist durchaus auch von Gleichnissen die Rede, die nun niemand wörtlich verstehen würde - warum sagt man das nicht gleich dazu, sondern behält diese Wahrheit den Theologen des 20. Jahrhunderts vor?
Es ist auch nicht plausibel, anzunehmen, die Menschen hätten vor 2.000 Jahren nicht zwischen Gleichnissen und wahren Geschichten unterscheiden können, zwischen tatsächlicher und symbolischer Deutung - sonst hätte Jesus nicht von Gleichnissen geredet. Außerdem soll die Bibel doch angeblich auch für uns heute geschrieben worden sein, wo wir diese Unterscheidung treffen können - nicht immer zuverlässig, aber immerhin.
Weiterführende Links zum Thema
Biblical Errancy (→ http://members.aol.com/ckbloomfld/) Dennis McKinsey hat sich die Arbeit gemacht und 16 Jahre lang in einer monatlichen Zeitschrift die Irrtümer und Widersprüche in der Bibel gesammelt - und diese Arbeit, alle 192 Ausgaben, finden Sie unter diesem Link.
Prophezeiungen in der Bibel - kritisch betrachtet (→ http://www.dittmar-online.net/religion/bibel/bibel_prophetie.html) Artikel von mir zu den biblischen Prophezeiungen.
Prophezeiungen über Jesus - kritisch betrachtet (→ http://www.dittmar-online.net/religion/bibel/prophetie_jesus.html) Wurde Jesus im alten Testament vorhergesagt? Wohl kaum.
Interessante Literatur zum Thema
Bibel: 2004,
Bibel 2005. CD-ROM., R. Brockhaus, Haan. Das Buch der Bücher – laut Isaac Asimov eine der besten Begründungen für den
Atheismus, die je ersonnen wurden.
Callahan, Tim: 1997,
Bible Prophecy: Failure or Fulfillment?, Millenium Press, Altadena. Auseinandersetzung eines Historikers mit den angeblichen Prophezeiungen in der Bibel, gleichzeitig stellt das Buch den historischen Rahmen des
AT dar.
Finkelstein, Israel und Silberman, Neil A.: 2002,
Keine Posaunen vor Jericho, C. H. Beck, München. Moderne israelische Archäologen zeigen, dass die Bibel keineswegs die Wahrheit berichtet, sondern dass sie viel später entstand, als gemeinhin geglaubt wird - was auch die meisten Prophezeiungen als Prophezeiungen im Nachhinein entlarvt.
Langbein, Walter Jörg: 2004,
Lexikon der Irrtümer des Neuen Testaments , Lagen/Müller, München. Ein Theologe listet die Fehler der Bibel auf (teilweise auch des Alten Testaments).
Leedom, Tim C. (Herausgeber): 1993,
The Book Your Church Doesn't Want You to Read, The Truth Seeker Company, San Diego. Sammlug von Essays über die Gründe, nicht an Gott zu glauben und den Kirchen nicht zu trauen.
McKinsey, C. Dennis: 1995,
The Encyclopedia of Biblical Errancy, Prometheus Books, New York. Eine Sammlung biblischer Fehler, Irrtümer und Widersprüchlichkeiten - wenn Gott der Autor der Bibel ist, so irrt er und widerspricht sich.
Ranke-Heinemann, Uta: 2002,
Nein und Amen. Mein Abschied vom traditionellen Christentum., Heyne, München. Eine sehr gründliche Demontage des Christentums, sehr fundiert und sehr sachlich, gut geschrieben.
Rohde, Norbert: 2004,
Abschied von der Bibel Vom alten Glauben zum neuen Wissen , Books on Demand, Norderstedt. Gründliche Einführung in die dunkle Seite der Bibel und die Gründe, warum man der Bibel nicht trauen kann, erhellend und aufklärerisch ans Tageslicht gebracht.
Schepper, Rainer: 1998,
Denn es steht geschrieben. Predigten eines Ungläubigen. Kritische Gedanken zum Neuen Testament, LIT Verlag, Münster. Ein weiteres Buch über die vielen ethischen Fragwürdigkeiten der Bibel, die Grundlage einer Moral sein soll.
Copyright 2004: Volker Dittmar
Anmerkungen:
- Genauer gesagt, der Nihilismus ist eine Verneinung aller Werte, also auch beispielsweise des Sinns des Lebens.
- Wie wir noch sehen werden, kann man sich bei einer Moral nicht auf Gott berufen - und zwar u. a. wegen Euthyphrons Dilemma (→ http://www.dittmar-online.net/religion/apologetik/euthyphron.html).
- Das ist keineswegs eine zwingende Annahme, wie viele glauben - die Welt kann auch aus dem Nichts entstanden sein, siehe Kann Etwas aus dem Nichts entstehen? (→ http://www.dittmar-online.net/religion/gott/nichts.html)
- Siehe auch Ist Gott der Logik zugänglich? (→ http://www.dittmar-online.net/religion/logik/logikundgott.html)
- Gläubige meinen oft auch, dass sie keine andere Wahl hätten, weil der Glauben oft mit einer Drohung verstärkt wird: "Wenn Du nicht glaubst, gehst Du des ewigen Lebens verlustig!". Man muss sich fragen, welche Argumente sonst noch eine Drohung nötig haben, damit man sie überzeugend findet. Es handelt sich auch um eine Drohung, nicht um eine Warnung, weil der Gott, der angeblich mit dem Verlust des ewigen Lebens gedroht hat, auch derjenige sein soll, der meine unsterbliche Seele nicht ewig leben lässt. Eine Warnung besteht darin, jemanden vor den Konsequenzen einer Handlung zu warnen, wenn ich aber selbst der Urheber dieser Konsequenzen bin und auch anders handeln könnte, dann handelt es sich um eine Drohung.
- Niemand kann so ganz genau sagen, wo der Alltagsglauben aufhört und das Wissen beginnt - das ist für unsere Begriffe aber nicht ungewöhnlich, so kann beispielsweise auch niemand ganz genau sagen, wo das Tal aufhört und der Berg beginnt.
- Wiederum muss man anmerken, dass sich die Gläubigen dessen nicht bewusst sind, es handelt sich also keines falls um einen Betrug - sie sind ja selbst davon überzeugt, dass das so richtig ist. Allenfalls sind sie irgendwann einmal betrogen worden und halten dann daran fest - aber auch derjenige, der es ihnen erzählt hat, hat dies vermutlich nicht bewusst gemacht, und so wird die Überzeugung von einer Generation an die nächste weitergegeben.