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Warum sollte ich an Gott glauben?

Man kann an alles Mögliche (und teilweise Unmögliche) glauben. Aber die Frage, die man sich stellen muss, ist doch die: Warum sollte man?

Man kann in den Religionen zwei verschiedene Strömungen unterscheiden. Die eine besteht darin, zu behaupten, dass es vernünftig ist, an Gott zu glauben und dass es dafür rationale Gründe gibt. Das bedeutet, dass zumindest die Existenz Gottes (aber nicht sein Wesen) über rationale Gründe der menschlichen Vernunft zugänglich ist. Die andere Strömung behauptet, dass es keine rationalen Gründe gibt oder gar geben kann, weil Gott prinzipiell (auch, was seine Existenz angeht) dem menschlichen Verstand nicht zugänglich ist.

Neben den rationalen Gründen gibt es noch emotionale Gründe (Gefühle), aus denen man an die Existenz Gottes glauben kann. Diese spielen oft eine große Rolle. Atheisten sind gegenüber diesen emotionalen Gründen meist sehr skeptisch. Es gibt eine Brücke zwischen emotionalen und rationalen Gründen, etwa wenn man behauptet, dass auch emotionale Gründe auf rationalen Gründen basieren oder umgekehrt, dass auch die emotionalen Gründe die Basis sind für rationale Gründe. In der Philosophie der Antike bis hin zur Neuzeit wurden aber meist nur rationale Gründe anerkannt bzw. rationalen Gründen wurde ein Vorrang eingeräumt gegenüber den emotionalen Gründen. Wenn ich beispielsweise von guten Gründen rede, dann meine ich damit stets rationale Gründe. Es gibt für diese Tradition der Geringschätzung emotionaler Gründe wiederum gute Gründe.

Das hängt damit zusammen, dass Emotionen oder Gefühle im wesentlichen Bewertungen von Gedanken oder Wahrnehmungen sind. Man muss dann fragen, warum bewerte ich etwas hoch oder niedrig oder gut oder schlecht und landet dann wiederum stets bei rationalen Gründen. Tut man dies nicht, also hinterfragt man seine Gefühle nicht, dann bleibt man bei der Auffassung stehen, dass etwas gut ist oder wahr, weil man es als gut oder wahr empfindet, und das ist kein ausreichender Grund, weil nichts mit sich selbst begründet werden kann oder sollte. Außerdem lassen sich Gefühle relativ schwer vermitteln - damit jemand ein Gefühl nachvollziehen kann, muss man es ihm mit Worten erklären, sofern die Erfahrung nicht unmittelbar einsichtig ist. Und dann ist man wieder bei einer "Übersetzung" von Emotionen in rationale Begriffe. Aus diesen Gründen werde ich der jahrtausendelangen philosophischen Tradition folgen und vor allem die rationalen Gründe betrachten, vor allem, wenn es um Erfahrungen geht, die nicht sofort und unmittelbar einsichtig sind. In der Philosophie geht es um den Austausch von Argumenten, und die wiederum sind meist frei von Wertungen oder die Wertung wird ausdrücklich als Grund genannt.

Wenn uns der Theist vernünftige, rationale Gründe oder Argumente nennen kann, an Gott zu glauben, dann wäre das in Ordnung. Aber nun heißt es "Glauben" und nicht "Wissen". Beim Wissen ist es teilweise schon schwierig genug, herauszufinden, was Sache ist, aber wie finde ich das beim Glauben heraus? Wenn es nur genauso schwierig wäre wie beim Wissen, dann gäbe es eine Möglichkeit, herauszufinden, ob Gott existiert. Immerhin, beim Wissen sind sich die Menschen meistens einig (zumindest grundlegend), beim Glauben sind sie sich aber sehr uneinig.

Außerdem kann Wissen falsch sein. Streng genommen ist es dann kein Wissen mehr, wenn es falsch ist - aber immerhin, wenn man es herausfindet, weiß man, was nicht der Fall ist. Wir drücken das auch sprachlich aus - wenn ich beispielsweise sage "Ich weiß, dass die Schlüssel auf dem Tisch liegen" und das ist nicht der Fall, dann sage ich nicht etwa "Ich habe aber gewusst, dass dort die Schlüssel sind", sondern ich sage "Ich habe aber geglaubt, dass sie dort sind". Glauben im Alltag drückt immer eine gewisse Unsicherheit - oder Vorsicht - aus. Beim Glauben (sagen die Gläubigen) sei das anders, dort gäbe es Gewissheit. Aber wenn dem so wäre, wer erklärt mir, warum Menschen überall auf der Welt an völlig andere Dinge glauben? Warum ist die Gewissheit des einen für den anderen ebenso gewiss falsch?

Beim Wissen ist es so, dass es Beweise (unterschiedlichster Art), Argumente oder gute Gründe dafür gibt, dass man etwas für wahr hält. In dem Wort Gewissheit steckt das Wort Wissen mit drin. Aber wenn es für den Glauben Beweise, Argumente oder gute Gründe gibt, warum nennt man dann das nicht "Wissen"? Offensichtlich, weil die Beweise etc. fehlen oder die Argumente nicht gut sind oder die Gründe schlecht. Aber warum soll ich bei fehlenden Beweisen, schlechten Argumenten und fehlenden oder schlechten Gründen an etwas stattdessen glauben? Im Alltag mache ich das nur, wenn ich keine andere Wahl habe  [1], aber dann ist glauben auch nicht mehr als eine schwache Vermutung. Aber da im Zusammenhang mit dem Glauben an Gott von Gewissheit geredete wird - gar von Glaubensgewissheit - muss es sich um etwas anderes handeln als den alltäglichen Glauben, der ja noch viel unsicherer ist als das Wissen. Im Alltag müssen wir etwas glauben, wenn wir keine Beweise haben, keine guten Argumente oder Gründe. Gewissheit erlangen wir dadurch nicht, im Gegenteil, wir müssen glauben, weil es ungewiss ist.

Wenn also der Gläubige von Glaubensgewissheit redet, dann muss er etwas anderes meinen als den alltäglichen, unsicheren Glauben. Er kann auch das relativ gesehen sicherere Wissen nicht meinen, sonst würde er es nicht glauben nennen. Wenn es also Beweise oder gute Argumente oder Gründe für den Glauben der religiös Gläubigen gäbe, dann würden sie über ihr Wissen reden und sich nicht als Gläubige, sondern als Wissende bezeichnen. Da sie es nicht tun, muss ihr Glauben also in einem Für-wahr-halten ohne Beweise etc. bestehen. Wir haben auch im Alltag für unser Wissen nicht stets und immer Beweise zur Hand, aber doch meist Argumente oder gute Gründe. Je besser diese sind, umso mehr reden wir von Wissen, je schlechter sie sind, umso mehr reden wir von Glauben, mit fließenden Übergängen  [2] - normalerweise. Fehlen sie ganz, so reden wir von Ungewissheit.

Wir werden im weiteren sehen, dass - auch in der Umgangssprache - das Wort "Gewissheit" noch anders gebraucht wird, nämlich als gefühlte Gewissheit. Auch hier spielen also die Gefühle wieder eine wichtige Rolle. Diese Gewissheit entspringt also nicht dem Wissen, sondern den Gefühlen, und wiederum muss man sich fragen, woher diese Gefühle kommen bzw. welchen Grund es dafür gibt.




Anmerkungen:
  1.  Gläubige meinen oft auch, dass sie keine andere Wahl hätten, weil der Glauben oft mit einer Drohung verstärkt wird: "Wenn Du nicht glaubst, gehst Du des ewigen Lebens verlustig!". Man muss sich fragen, welche Argumente sonst noch eine Drohung nötig haben, damit man sie überzeugend findet. Es handelt sich auch um eine Drohung, nicht um eine Warnung, weil der Gott, der angeblich mit dem Verlust des ewigen Lebens gedroht hat, auch derjenige sein soll, der meine unsterbliche Seele nicht ewig leben lässt. Eine Warnung besteht darin, jemanden vor den Konsequenzen einer Handlung zu warnen, wenn ich aber selbst der Urheber dieser Konsequenzen bin und auch anders handeln könnte, dann handelt es sich um eine Drohung. (Zurück)
  2.  Niemand kann so ganz genau sagen, wo der Alltagsglauben aufhört und das Wissen beginnt - das ist für unsere Begriffe aber nicht ungewöhnlich, so kann beispielsweise auch niemand ganz genau sagen, wo das Tal aufhört und der Berg beginnt. (Zurück)
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